Liebe Eltern, Sie denken darüber nach, ihr Kind in eine evangelisch Kindertagesstätte zu schicken? Das ist schön, denn unsere Kindertagesstätten bieten eine einzigartige Umgebung, die weit über bloße Kinderbetreuung hinausgeht. Hier werden Werte wie Liebe, Respekt, Toleranz und Nächstenliebe vermittelt und gelebt. Hier hören die Kinder Geschichten aus der Bibel und können miteinander beten. Hier kann eine ganz besondere Gemeinschaft von Eltern, Kindern und Erzieher*innen entstehen, in der die ganzheitliche Entwicklung ihres Kindes gefördert und gestärkt wird.
In dieser Broschüre finden Sie viele weitere Informationen zum Thema Religion in der Kita. Die Leitungen unserer Kindertagesstätten, die Verantwortlichen in den Gemeinden und auch ich sind sehr gerne für Sie ansprechbar!
Ihre Heike Springhart Landesbischöfin der Evangelischen Landeskirche in Baden
Inhaltsverzeichnis
Woran merke ich, dass mein Kind eine evangelische Kita besucht?
Wozu religiöse Bildung – genügen nicht Werte?
Mein Kind ist nicht evangelisch … und wir sind muslimisch…
Feste feiern – auch religiöse Feste?
Mein Kind hat viele Fragen
Geschichten, Geschichten
Muss mein Kind beten? Und was ist mit den Gottesdiensten?
Muss ich mich als Eltern am kirchlichen Gemeindeleben beteiligen?
Weshalb gibt es überhaupt evangelische Kitas? Staat und Kirche sind doch getrennt.
Warum sollen die pädagogischen Fachkräfte einer christlichen Kirche angehören?
Fragen rund um das Thema Religion in der Kita
1 - Woran merke ich, dass mein Kind eine evangelische Kita besucht?
In unseren Kitas steht das Kind im Mittelpunkt. Dies entspricht dem christlichen Menschenbild: • Jeder Mensch ist wertvoll und wird geliebt. • Jeder Mensch ist zu achten, unabhängig von dem, was er ist und mitbringt. • Es ist der Auftrag des Menschen, ein gerechtes und friedliches Miteinander und für einen bewahrenden Umgang mit der Welt einzutreten. Das zeigt sich ganz konkret in unserem Kita-Alltag: • Bei uns werden die Kinder respektvoll und warmherzig aufgenommen, so wie sie sind. • Wir unterstützen und begleiten sie umfassend bei ihrer Entwicklung. • Uns liegt an einer guten Partnerschaft mit den Eltern. • Wir legen Wert auf die fachliche Qualität aller Mitarbeitenden. • Wir achten auf einen guten Umgang der Mitarbeitenden untereinander.
Grundlage unserer pädagogischen Arbeit ist der Orientierungsplan des Landes Baden-Württemberg und das Evangelische Profil der Evangelischen Landeskirche in Baden. Dazu gehört eine religionssensible Pädagogik, die kulturelle Unterschiede berücksichtigt. Wir unterstützen Eltern in ihrem Wunsch nach religiöser Erziehung ihrer Kinder, respektieren aber zugleich mögliche Vorbehalte. (Auch dabei ist uns eine vertrauensvolle Zusammenarbeit mit den Eltern wichtig.) Wir sind verbunden mit der evangelischen Kirchengemeinde vor Ort. Die Zusammenarbeit bereichert unseren Kita-Alltag und ist ein wichtiger Beitrag auch zum Generationenlernen.
2 - Wozu religiöse Bildung – genügen nicht Werte?
Werte sind wichtig und regeln unser Zusammenleben. Viele Werte gründen auf religiösen Grundüberzeugungen wie Nächstenliebe oder Bewahrung der Schöpfung. Diese zeigen sich im respektvollen, friedfertigen Umgang miteinander, in der Achtung vor Unterschieden und einem nachhaltigen Umgang mit der Natur. Der Bildungs- und Orientierungsplan in Baden-Württemberg greift das Thema Religion im Bildungs- und Entwicklungsfeld „Kultur, Werte, Religion“ auf. Religion ist dort als fester Bestandteil der Bildungsarbeit in Kindertageseinrichtungen verankert. Religiöse Bildung ist kein zusätzliches Angebot, sondern ist wichtig, weil Religion und religiöse Fragen alle (Lebens)-Bereiche durchziehen. Religiöse Bildung umfasst vielfältige Kompetenzen: sie verhilft dazu, die Welt vielschichtig wahrzunehmen und für Fragen nach dem Sinn des Lebens offen zu bleiben. Religiöse Bildung braucht es, um die Welt zu verstehen und kritikfähig zu sein. Zur religiösen Bildung gehören eigene Erfahrungen im religiösen Bereich, Kenntnisse über Religionen sowie die Fähigkeit, eigene Erfahrungen zu reflektieren. Wir gehen davon aus, dass Kinder aufmerksam durch die Welt gehen und in der Lage sind, ihre eigene Religiosität zu entwickeln. Wir begleiten sie bei diesem Prozess.
3 - Mein Kind ist nicht evangelisch … und wir sind muslimisch…
Als evangelische Kita erfüllen wir einen öffentlichen Bildungsauftrag. Der Besuch unserer Kita steht allen Kindern offen – so verschieden wie sie sind. In allen unseren Einrichtungen arbeiten wir inklusiv. Vielfalt gestalten wir sehr bewusst: Dabei sind wir religionssensibel unterwegs. Die Kinder werden ermutigt, ihre Traditionen und Religionen einzubringen, z.B. in Gesprächsrunden, bei Festen, durch Geschichten. Wir sind auch offen für die Bedürfnisse von Eltern. Die Kinder lernen andere Religionen kennen. Darüber hinaus lernen die Kinder im alltäglichen Miteinander respektvoll und friedlich miteinander umzugehen und die jeweiligen Religionen und weltanschaulichen Prägungen zu achten. Dies ist ein wichtiger Beitrag zu unserem gesellschaftlichen Zusammenleben.
4 - Feste feiern – auch religiöse Feste?
In unseren Kitas wird viel gefeiert. Die Kinder lernen beim Singen, Basteln, Spielen und Feiern viele Bräuche kennen. Dazu gehören auch die Geschichten, die den Festen zugrunde liegen. Dabei spielt das Kirchenjahr eine wichtige Rolle: Advent, Weihnachten, Ostern, Erntedank, Martinstag: diese und andere Feste prägen das Jahr. Gerade beim Feiern wird deutlich: wir können uns verstehen, auch über Unterschiede hinweg. Kinder erfahren Gemeinschaft und sie erleben: Feste sind wichtige und willkommene Unterbrechungen im Alltag. Sie merken: die Zeit ist strukturiert und es kommt darauf an, sie gut zu gestalten. Unsere pädagogischen Fachkräfte bringen ein kindgerechtes Repertoire für die religionssensible Gestaltung der Feste und des Kirchenjahres mit. Natürlich lernen Kinder die wichtigen Feste anderer Religionen kennen – feiern können wir diese nur mit Unterstützung, zum Beispiel von Eltern, die in diesen Traditionen leben.
5 - Mein Kind hat viele Fragen
Wo ist Opa jetzt? Wohnt Gott in der Kirche? Warum werden Menschen krank? Kinder nehmen die Welt sehr aufmerksam wahr und stellen große Fragen. (Wir nehmen diese Fragen sehr ernst und fördern bewusst das eigene Nachdenken (Philosophieren und Theologisieren) der Kinder.) s.u. Dabei geht es bei vielen Fragen nicht darum, gleich Antworten parat zu haben, sondern sich mit den Kindern gemeinsam auf Antwortsuche zu begeben. Häufig sind es Fragen, auf die es nicht immer eine eindeutige Antwort gibt. Es geht darum, das eigenständige theologisch-philosophische Denken der Kinder anzuregen und sie zu ermutigen, sich mit diesen Fragen auseinanderzusetzen.
Erfahrene pädagogische Fachkräfte bringen die Antwortmöglichkeiten des christlichen Glaubens authentisch ein und lassen zugleich Raum für andere Deutungsmöglichkeiten.
6 - Geschichten, Geschichten
„Durch Geschichten verstehen wir die Welt“ (Jerome Seymour Bruner). Geschichten spielen eine wichtige Rolle in unseren Kitas. Geschichten stärken Kinder, regen die Fantasie an und helfen, die Welt zu verstehen. Sie fördern dabei basale und intellektuelle Kompetenzen und stärken die Resilienz. Das gilt auch für biblische Geschichten: • Es sind Geschichten von Neid und Eifersucht, vom Scheitern und Gelingen, von Streit und Versöhnung. • Sie erzählen vom Glauben und berühren ganz menschliche Erfahrungen. • Es sind Mutmach-Geschichten, die zeigen, wie Herausforderungen durch den Glauben an Gott bewältigt werden. • Sie erzählen vom guten Handeln und laden ein, sich damit auseinanderzusetzen. Biblische Geschichten gehören als Teil unserer Kultur zugleich zur Allgemeinbildung. Es ist eine wichtige Bildungsaufgabe, diesen kulturellen Hintergrund zu thematisieren und Kindern zu helfen, sich darin zurechtzufinden. Denn unsere Kultur ist christlich geprägt. Viele Musikstücke sind religiös unterlegt, viele Kunstwerke aus allen Jahrhunderten bis zur zeitgenössischen Kunst sind ohne Kenntnisse des christlichen Glaubens nicht verstehbar. Viele Geschichten verbinden auch die drei großen Religionen Judentum, Christentum und Islam und bieten so auch eine Grundlage für interreligiöses Lernen.
7 - Muss mein Kind beten? Und was ist mit den Gottesdiensten?
Hinter dieser Frage steht die Sorge vor Vereinnahmung und Beeinflussung der Kinder. Grundsätzlich gilt: jedes Kind hat das Recht auf Beachtung seiner Glaubens- und Religionsfreiheit. D.h. es gibt das Recht nicht zu glauben und das Recht, Religion auszuüben. An diese im Grundgesetz verbriefte Religionsfreiheit halten wir uns. Wenn Gottesdienste gefeiert werden, wird niemand vereinnahmt. Kinder erfahren: Das Wissen über Religion(en) ist nur ein Teil. Beim Feiern von Gottedsdiensten merken sie, was es bedeutet, wenn Menschen eine Beziehung zu Gott haben und dieser Beziehung in Gebeten, Bildern, Symbolen und Festen Ausdruck geben. Die Kinder erleben, wie sich Glauben konkret ausdrückt: zum Beispiel beim gemeinsamen Gebet. Alle Kinder sind eingeladen, mitzubeten. Wer nicht beten möchte, muss das nicht tun, jedoch das Beten der Anderen respektieren. In unseren Kitas beten wir vor allem bei den Mahlzeiten. Denn gerade beim Thema Essen wird deutlich, dass es nie nur um das Sattwerden geht. Beten beim Essen drückt eine Haltung der Dankbarkeit aus. Es ist nicht selbstverständlich, genug zu essen zu haben. So wird das Tischgebet zu einem wichtigen Ritual im Tagesablauf, das diese Haltung der Wertschätzung vermittelt.
8 - Muss ich mich als Eltern am kirchlichen Gemeindeleben beteiligen?
Die Kirchengemeinden vor Ort sind die Träger der evangelischen Kita und mit der Kita-Arbeit sehr verbunden. Diese Verbundenheit wird sichtbar bei Festen oder Gottesdiensten, bei denen die Kitas mitwirken. Sie zeigt sich in der Verbundenheit mit den diakonischen Aktivitäten in der Gemeinde, z.B. durch Besuche in Altenheimen. Sie zeigt sich aber auch daran, dass sich Mitarbeitende der Gemeinde (Pfarrer*in, Diakon*in) bei der religiösen Bildung in der Kita mit einbringen. Der Kontakt mit gemeindlichem Leben fördert das Generationenlernen der Kinder. Durch die (freiwillige) Mitwirkung bei Gottesdiensten oder anderen Aktivitäten lernen Kinder das Christentum ganz praktisch kennen. Es gibt keine Verpflichtung – gleichzeitig freuen wir uns immer, wenn Eltern sich bei unseren gemeinschaftlichen Aktivitäten einbringen. Je nach Gemeinde gibt es viele zusätzliche Angebote auch für Eltern am gemeindlichen Leben teilzunehmen. Männergruppen, Kirchenchöre, Gesprächskreise, Konzerte, Vorträge, spontane Aktionen zum Mitmachen – die Möglichkeiten sind vielfältig. Dies sind zusätzliche Angebote, Gemeinschaft vor Ort zu erfahren. Dort wo Kitas mit Familienzentren verbunden sind, gibt es weitere Unterstützungsmöglichkeiten und Begleitangebote gezielt für Eltern und Kinder.
9 - Weshalb gibt es überhaupt evangelischeKitas? Staat und Kirche sind doch getrennt.
In Deutschland sind Staat und Kirche selbstverständlich getrennt. Allerdings haben wir auch das sogenannte „Subsidiaritätsprinzip“. Das bedeutet: der Staat geht nicht einfach davon aus, dass er selbst eine soziale Aufgabe am besten erbringt und auf allen Ebenen für alles zuständig ist. Dazu gehört z.B. die Kita-Arbeit, die von unterschiedlichen Trägern übernommen werden kann, z.B. von Elterninitiativen oder eben auch von den Kirchen. Dabei unterstützt der Staat die Träger finanziell. Auf der anderen Seite ist es für die evangelische Kirche selbstverständlich, dass sie Verantwortung für das Gemeinwesen übernimmt. Einer der ersten institutionellen Kindergärten wurde von Pfarrer Theodor Fliedner 1835 in Düsseldorf-Kaiserswerth gegründet. Diese Kleinkinderschule war als Unterstützung zur Erziehung und Bildung von Kindern gedacht, deren Eltern sich nicht kümmern konnten. Dazu kommt, dass Bildung für die evangelische Kirche einen hohen Stellenwert hat. Bildung ist ein lebenslanger Prozess und entspricht einem Grundanliegen der Reformation: der Mensch wird als mündig und selbstständig angesehen. Dazu muss er lesen und schreiben können und über wichtige Dinge Bescheid wissen. Das gilt auch in Glaubensdingen.
10 - Warum sollen die pädagogischen Fachkräfte einer christlichen Kirche angehören?
Bei der Frage nach der Mitgliedschaft in einer christlichen Kirche geht es nicht um die persönliche Glaubenspraxis der pädagogischen Fachkräfte. Aber die Mitgliedschaft lässt darauf schließen, dass grundlegende christliche Überzeugungen geteilt werden, dass die pädagogischen Fachkräfte das diakonische Engagement von Kirche mittragen und bereit sind zur Vernetzung mit der kirchlichen Arbeit vor Ort. Pädagogische Fachkräfte haben eine Orientierungs- und Vorbildfunktion. Verschiedene Studien zeigen, dass für Kinder, vor allem wenn sie nicht religiös erzogen werden, die Vorstellungen von Erzieherinnen und Erziehern eine wichtige Rolle spielen. Die Mitgliedschaft in einer christlichen Kirche sorgt hier für Transparenz. Zudem spielt in einer evangelischen Kita das Thema Religion eine wichtige Rolle. Es braucht die Offenheit für einen religionssensiblen Umgang mit den religiösen Bedürfnissen von Kindern im Alltag genauso wie eine Kenntnis des Themenfeldes. All das erfordert einen reflektierten Umgang mit Religion und der eigenen Religiosität. Im Übrigen können unter bestimmten Voraussetzungen auch in einer evangelischen Kita pädagogische Fachkräfte eingestellt werden, die einer anderen oder keiner Religion angehören. Dies gilt dann, wenn Kitas eine interkulturelle oder interreligiöse Konzeption entwickelt haben, z.B. aufgrund einer besonderen Ausgangssituation oder Zusammensetzung der Gruppen.
Impressum
Erarbeitung und Redaktion: Heide Reinhard und Dirk Boch
Gestaltung: Studio Reith Julian Reith Martina Cloos